#ferrantefever: Ein bisschen hat’s auch mich erwischt

Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

Kaum ein Titel der Unterhaltungsliteratur wurde schon vor und seit seinem Erscheinen dieses Jahr so gehypt wie Elena Ferrantes Meine geniale Freundin, der erste Band einer Tetralogie, die im Neapel der 50er Jahre bis heute spielt.

Nun ist Ferrantes Serie sowohl in Italien, als auch in der englischsprachigen Welt bereits ein Bestseller, wir Deutschen hängen dem ganzen Zirkus ein bisschen hinterher – was auch der Grund ist, dass ich das Buch zwar auf Italienisch gelesen habe, allerdings eben auch erst jetzt (Italienisch im Nebenfach zu studieren heißt nämlich noch lange nicht, dass man irgendeine Ahnung von der dortigen Gegenwartsliteratur hätte).

Angesichts dieses bisherigen Erfolgs jedoch wurde der Titel auch hierzulande mit Hochspannung erwartet und hat sogar seinen eigenen Hashtag: #ferrantefever. Die nächsten Bände sollen nun in kurzer Abfolge ebenfalls erscheinen (der nächste bereits Anfang 2017).

Auch wenn ich mir diese Wartezeit ja sparen und einfach auf Italienisch weiterlesen könnte – ich bin mir noch nicht sicher, ob es dazukommen wird. Sicherlich habe ich nicht mit dem Lesen des letzten Satzes die Fortsetzung bestellt. Das liegt wohl auch an dem noch vorhandenen und stetig größer werdenden Stapel ungelesener Bücher in meinem Regal. Aber auch wenn ich Meine geniale Freundin bzw. L’amica geniale wirklich gern gelesen habe, hat es mich nicht mit dem Verlangen zurückgelassen, sofort weiterlesen zu müssen.

Doch zu der Geschichte selbst: 

Elena Ferrante erzählt an erster Stelle von einer Freundschaft zwischen zwei Mädchen bzw. später Frauen, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Vorort von Neapel geboren wurden und dort aufwachsen. Meine geniale Freundin setzt ein kurz bevor beide die Grundschule beginnen und spinnt sich durch die 50er Jahre, bis sie 16 sind.

Erzählt wird die Geschichte von Elena, ihre beste Freundin heißt Raffaella, wird von allen Lina, von Elena aber Lila genannt. Die beiden Mädchen beweisen, dass Gegensätze sich anziehen: Elena gilt in der „Rione“, eben dem Vorort oder Stadtteil, als nettes und liebes Mädchen, während Lila von Anfang an, auch von ihrer Freundin selbst, als gemein oder böse beschrieben wird. Doch Elena scheint fasziniert zu sein von Lilas Mut und folgt ihr nach in allem, was sie tut, sei es den düsteren Don Achille zu konfrontieren oder in der Grundschule mit den besten Noten zu glänzen.

Es sind diese schulischen Leistungen, die sie beide auszeichnen und die sie doch voneinander trennen werden: Nach der Grundschule erlauben Elenas Eltern es ihr, auf die weiterführende Schule und später sogar auf das Gymnasium in der Stadt zu wechseln – für ein junges Mädchen aus einer armen Familie zu der Zeit sicher keine Selbstverständlichkeit. Lilas Eltern hingegen erklären ihre Schulkarriere früh für beendet, sie muss nun im Haushalt und in der Schusterei des Vaters helfen. Doch Lila hat ihre eigenen Wege: Aus der lokalen Bücherei leiht sie sich Latein- und Griechisch-Bücher aus und lernt auf eigene Faust, sodass Elena sich weiter von ihr vorwärts gezogen und angespornt fühlt.

Während die Jahre vergehen, wachsen die Leben der beiden Freundinnen dennoch immer weiter auseinander: Elena verlässt tagtäglich die „Rione“, um zum Gymnasium zu fahren, sie darf die Ferien am Meer verbringen und lernt, bis ihr die Vokabeln wieder aus den kommen. Lila hingegen interessiert sich nicht mehr für das Lernen – stattdessen für Schuhe, die sie gestaltet und mit ihrem Bruder zusammen von Hand hergestellt hat. Diese zu verkaufen ist ihr größtes Ziel, auch wenn sie sich dafür mit den lokalen Camorra-Brüdern einlassen oder den Sohn des reichsten Ausbeuters im Ort heiraten muss.

Auch Elena macht ihre ersten Erfahrungen mit der Liebe, stellt aber spätestens am Ende des ersten Bandes fest, dass sie sich weder mit ihrem Freund noch mit ihren früheren Schulkameraden aus ihrem Viertel viel zu sagen hat, ihre Welt ist größer geworden. Und während Lila früher immer diejenige war, mit der Elena brennende Diskussionen führen und sich in einem wortgewandten Schlagabtausch austoben konnte, so ist Lila nun nur noch an ihrer neuen Wohnung, Schmuck und Schuhen interessiert.

Nun, wenn ich mir das, was ich aufgeschrieben habe, so vor Augen führe, werde ich die nächsten Bände wohl doch auf jeden Fall lesen. Ich bin schon gespannt, wie es mit Elena und Lila und ihrer Freundschaft weitergeht und wo das Leben sie hinführen wird. Es fiel mir zu Beginn des Romans zwar schwer, mich in die sechsjährigen Protagonistinnen hineinzufühlen, wurde jedoch immer einfacher und die Lektüre immer spannender.

Elena Ferrante beschreibt eben nicht „nur“ die Freundschaft zwischen diesen beiden Heranwachsenden – und das ist ja schon ein komplexes Thema, wie alle weiblichen (Ex-)Teenager wohl bestätigen können. Ein besonderer Charme des Buches liegt für mich auch in der subtilen Beschreibung der Lebensverhältnisse, in denen Elena und Lila aufwachsen: Es ist von Anfang an klar, dass die beiden sowie die meisten anderen Kinder aus eher armen Familien stammen und das Leben nicht ganz einfach ist. Genauso klar ist, dass die Solaras und die Caraccis aus einem anderen Holz geschnitzt sind – und auch wenn es erst frühestens in der Mitte des Romans erwähnt wird, ist dennoch schnell klar, dass die Camorra eine Rolle spielt, dass gerade während des Krieges und in der Nachkriegszeit nicht nur reine Geschäfte gemacht wurden etc. So entsteht ein scharfes Bild der Verhältnisse in einem Neapler Vorort, das sich der Leser aber dennoch selbst zusammensetzen muss.

Die deutsche Übersetzung ist beim Suhrkamp Verlag erschienen und kann hier direkt beim Verlag bestellt oder in eurer Lieblingsbuchhandlung erworben werden.

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